Liechtensteins grösster Betrugsfall

Im November 2017 wurde der liechtensteinische Rechtsanwalt und Treuhänder, Harry Gstöhl, wegen Untreue und schwerem Betrug zu Lasten seiner Kunden sowie Geldwäscherei zu sechs Jahren Haft rechtskräftig verurteilt. Besonders brisant ist dieser Betrugsfall nicht nur aufgrund der immensen Deliktssumme, welche sich auf über 30 Millionen Franken summiert, sondern auch aufgrund des persönlichen Hintergrunds des Täters.

Harry Gstöhl war im Gegensatz zu den Tätern vieler anderer Betrugsskandale ein überaus angesehener und vertrauenswürdiger Mann. So war der Familienvater nebenberuflich viele Jahre als Präsident des Liechtensteiner Verwaltungsgerichts sowie des Staatsgerichtshofs tätig. Nicht zuletzt war er auch in den Prüfungskommissionen für Rechtsanwälte sowie Treuhänder vertreten und erhielt noch im Jahre 2004 den Ehrentitel „Fürstlicher Justizrat“.


Der Betrugsfall Harry Gstöhl unterscheidet sich jedoch auch in juristischer Hinsicht von zahlreichen anderen Skandalen, welche regelmässig auf unzulässige Schneeball- oder Pyramidensystem zurückzuführen sind. Während sich andere Täter, vor allem in der Vermögensverwaltungsbranche, auf die Errichtung komplexer Betrugssysteme konzentrierten, verliess sich Harry Gstöhl auf das Vertrauen seiner Kunden.


Tatsächlich hatte der sehr geachtete Treuhänder und Anwalt das uneingeschränkte Vertrauen von wohlhabenden Privatpersonen aus aller Welt. Für eben diese errichtete er unzählige private Vermögensstrukturen, darunter vor allem Stiftungen und Treuhandkonstruktionen. Derartige Konstruktionen wurden in Liechtenstein über Jahrzehnte als sogenannte diskretionäre Strukturen ausgestaltet.


Derartige Strukturen sind im Gegensatz zu sogenannten kontrollierten Gesellschaften, vom sehr weitgehenden Ermessen des Stiftungsrats bzw. Verwaltungsrats geprägt, welcher das Vermögen der juristischen Person im Sinne des Gesellschaftszwecks nach freiem (wenn auch pflichtgebundenem) Ermessen zu verwalten hat. Die Zielsetzung einer solchen Struktur hat vor allem steuerliche Hintergründe, etwa bei der (Nicht-) Zurechnung des Vermögens in der Struktur zum privaten Vermögen des Gründers oder der Begünstigten. Ein weiterer wichtiger Aspekt derartiger Strukturen betrifft den Vermögensschutz. Die Idee dahinter ist, dass das Vermögen in der Struktur dem Zugriff von Gläubigern des Gründers und/oder der Begünstigten entzogen sein soll. Der Preis für eine solche Lösung, ist vor allem die Aufgabe jeder Kontrolle über das eigene Vermögen und dessen endgültige Übertragung auf den Rechtsträger. Ab diesem Zeitpunkt ist der Kunde des Treuhänders auf Vertrauen angewiesen.

Im Betrugsfall von Harry Gstöhl, hatte der Täter als einzelzeichnungsberechtigter Stiftungsrat oder Verwaltungsrat de facto die volle Kontrolle, welche er jahrzehntelang rechtswidrig dazu missbrauchte, ohne Wissen der Kunden, Gelder auf seine eigenen Konten zu überweisen. Teilweise wurden die veruntreuten Kundengelder auch über eigene Gesellschaften für private und geschäftliche Zwecke des Täters verwendet.


Die Wiedererlangung der anvertrauten Vermögenswerte gestaltet sich für die Geschädigten in vielen Fällen schwierig. Nicht nur die Nachverfolgung der illegalen Zahlungsflüsse bereitet den Opfern Schwierigkeiten. Selbst wenn die Endstation eines Zahlungsflusses identifiziert werden konnte, endet die Spur – nicht nur in diesem Betrugsfall – oft in privaten Vermögensstrukturen des Täters selbst. Hieran zeigt sich auch die Ironie des Betrugsfalls Harry Gstöhl, welcher das von Privatstrukturen veruntreute Vermögen selbst wiederum in Privatstrukturen zu beschützen versuchte.